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Die Sache mit den KINDHEITSTR(Ä/A)UMEN

Schon länger habe ich eine passende Schauspielschule für meine Tochter gesucht.

Sie ist so n klassischer Fall von "gehört halt auf die Bühne". 

Andere sagen Sie sei ein typisches Waldorfkind

(dabei geht sie auf keine Waldorfschule). Oder dass sie manchmal spricht als ob sie aus einer anderen Zeit kommen würde.

Aus meiner Sicht hüpft und tanz sie sich einfach verträumt und frei durchs Leben. 

Musik,Tanz,Theater und so sind offensichtlich ihr Element.

Ich sah es fast schon als meine Pflicht sie in diesem Bereich zu unterstützen. Also fuhren wir zum Tag der offenen Tür der Musical- und Schauspielschule Überlingen.

 

Ich glaube normalerweise geht man da nur stundenweise zu so nem Tag der offenen Tür. Wir haben aus dem Namen Programm gemacht und waren wirklich den ganzen Tag dort. 

Luna wollte alles ausprobieren. Da konnte auch ihr geschwollenes Bein vom Wespenstich am Vorabend nix ändern. Das war echt hartcore. Glaub mit so einem Wespenstich hätte ich geheult.

Aber Luna hat mir vorgespielt es täte gar nicht weh, damit ich ja nicht auf die Idee komme nicht mit ihr nach Überlingen zu fahren.

 

Mein Kind war also glücklich, ging von Schnupperstunde zu Schnupperstunde und ich saß da und lächelte ihr zwischendurch ermutigend zu. ( Daumen hoch und Lächeln)

 

Für mich war der Tag lang =) Auf einem Flyer habe ich dann gesehen, dass Sie auch Gesangsunterricht für Erwachsene anbieten.

Als Kind wollte ich immer Sängerin werden. Klar welches Mädchen nicht.

Musik hat mich begleitet, geprägt, runter gezogen, aufgebaut,mich aufblühen und zu Boden fallen lassen.

Ich habe viel gesungen. Zu Hause, bei Freunden, ab und zu hab ich es auch auf eine Bühne geschafft ( du weißt schon Fasnet und so). Und natürlich habe ich voller Stolz meinen Eltern vorgesungen. 

Tja die fanden das nicht so bühnenreif. Fassen wir es mal kurz zusammen : Ich war stets bemüht und meine Eltern haben mich ausgelacht und sich über mich lustig gemacht. 

Das brauchen wir auch nicht vertiefen. Ich hab meine Mum sehr gern. Und wie jede Mutter sagt sie, dass sie es heute anders machen würde.  

Als Pupertier ( heranwachsender, anstrengender Teenager) platze für mich damals mein Musiktraum und ich fühlte mich wie ein Versager. Das Gefühl hielt an und ich habe es irgendwo in der Bauchgegend abgespeichert.

Und nun, einige Jahre später, saß ich vor einem Schaufenster und schaute meiner Tochter in der Musicalschule zu wie sie aufblühte. Und jetzt wäre es ein Einfaches gewesen in die Opferrolle zu hüpfen und zu denken "hätten meine Eltern doch bloß, dann hätte ich heute" bla bla...

Ich starrte den Flyer an und dachte anstatt rum zu sitzen könnte ich die Zeit auch nutzen.

Gesangsunterricht war bei mir als Kind natürlich nicht drin. Sei es wegem fehlenden Talent oder dem fehlenden nötigen Kleingeld dafür gewesen. Ich beschloss also die Chance zu nutzen und mir anzuschauen wie Gesangsunterricht abläuft.

Dazu konnte man sich an dem Tag einfach in einer Liste eintragen. 

Ich traf also auf den Gesangslehrer Emanoil. Die erste Begegnung lief schon etwas überraschend ab . Wir quatschten einfach.

Ich erzählte ihm von Luna, weshalb wir da waren, und überquatschte quasi die Sache mit dem Singen.

Aber irgendwie passte die Chemie zwischen uns und das Gespräch war klasse. Wir vereinbarten die Schnupperstunde im nächsten freien Zeitblock nachzuholen. Schließlich stand auch noch Lunas Schnupperstunde an und es war klar, dass ich nochmal zu ihm kommen würde.

Luna war so süß beim Gesangsunterricht. Sie hielt ganz stolz ihr Mikro und trällerte voller Glück ihre Elsalieder.

Es war schön sie so zu sehen. Und ich fühlte, dass es richtig war sie auf diesem Weg zu unterstützen. Unabhängig davon wohin er mal führen wird. Einfach nur für viele kleine Glücksmomente in und durch die Musicalschule.

 

Tja und dann erinnerte sich Emanoil dass die Mama auch noch singen wollte. Mir wars plötzlich mega unangenehm. Ich wollte mich nicht blamieren und hatte echt kein gutes Gefühl im Bauch.

Uuupsss war ich etwa aufgeregt wegem Vorsingen? Jupp, erwischt.

Luna und ich drehen im Auto oft die Musik laut und dann gröhlen wir zusammen die Lieder mit. Von Rapp über die größten Schnulzbaladen ist da alles dabei. Wir haben immer mega viel Spaß.

Dadurch hatte Luna gleich einen Liedvorschlag für die Mama und feuerte mich an über meinen Schatten zu springen.

"Ja Mama sing, du kannst das" Emanoil gab natürlich auch noch seinen Teil dazu.

Ich sprang also über meinen Schatten und sang.

Und weißt du was : Dieser Moment war magisch. Es mag total bekloppt klingen aber zum einen war es schön meiner Tochter quasi was vorzusingen und zum anderen befreiend.

Übers Wochenende kam ich dadurch ins Grübeln. In unserer Gesprächsstunde habe ich zu Emanoil gesagt, dass es für mich eh zu spät ist für Gesangsunterricht. Der Zug sei abgefahren. Er sagte mir dass es nie zu spät sei. Und dass Gesangsunterricht, die Begegnung mit der eigenen Stimme, auch immer eine Begegnung mit sich selbst ist.

 

Mir fiel durch zwei Situationen an dem Wochenende auf dass ich manchmal echt stolz auf mich sein müsste. Aber anstatt stolz zu sein hatte ich das Gefühl ich hätte es nicht gut genug gemacht. Ich fragte mich ob das vielleicht ein Glaubenssatz sein könnte der sich jetzt durch dieses Erlebnis klar zeigte und ihn mich erkennen ließ.

Als ich mich dann an Emanoils Worte erinnerte "Es ist auch eine Begegnung mit sich selbst" war mir klar dass ich mir etwas Gutes tun und Gesangsunterricht nehmen werde. Manchmal muss man sich einfach auf Neues einlassen. Und offen dafür sein dass es einem Gut tun könnte.

Nun fahre ich seit 2 Monaten zweimal die Woche mit meiner Tochter nach Überlingen. Einmal hat sie Schauspielunterricht und einmal haben wir eine Doppelstunde Gesangsunterricht. Klingt bekloppt ? Mag sein. Aber ich bin dankbar , dass ich den Mut hatte diese Entscheidung zu treffen. Denn es tut uns beiden gut und für mich sind "Glücksmomente" sehr wichtig. Die gemeinsame Zeit ist kostbar.

Ich wünsche dir dass du ebenfalls den Mut findest etwas zu wagen was dir gut tut. Deine Kindheitsträume und Kindheitstraumen anzunehmen und dadurch dein Glück zu finden.